Warum Spree-Athen

Warum "Spree-Athen"?

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Der Begriff Spree-Athen wurde zum ersten Mal von dem Dichter Erdmann Wircker in einer Huldigung an den ersten König von Preußen vor fast genau 300 Jahren geprägt. Er rühmte Friedrich I. als preußischen Augustus:

Die Fürsten wollen selbst in deine Schule gehn,
Drumb hastu auch für sie ein Spree-Athen erbauet.


Augustus war er zwar nicht, und er war auch kein Römer, doch Friedrich war ein großer Förderer der Kunst und der Wissenschaften. Berlin bekam zwei Schlösser – das Berliner und das Charlottenburger –, und er gründete zwei Akademien: die Akademie der Künste und die Akademie der Wissenschaften. Preußen wurde unter ihm – oder genauer unter seiner Frau Sophie-Charlotte – ein Hort der Gelehrsamkeit und der Musen. Sophie-Charlotte wollte ihr Schloß Charlottenburg zum ersten Musenhof in Brandenburg-Preußen machen; sie scharte einen Kreis von namhaften Wissenschaftlern wie den Universalgelehrten Leibniz und andere Philosophen, Theologen und Künstler um sich.

Diese Verbindung zwischen den Musen und der Gelehrsamkeit, den Künsten und den Wissenschaften, hatte man den alten Griechen abgeschaut. Es gibt aber zwei Muster, die sich grundsätzlich unterscheiden: Athen und Sparta. Beide Städte hatten im 6. Jahrhundert v. Chr. eine ähnliche Ausgangslage: Die Adelshäuser hatten ihren Reichtum und ihre politische Macht auf Kosten der Allgemeinheit so exzessiv vermehrt, daß das Volk politisch entmündigt und wirtschaftlich zu Sklaven entrechtet worden war. Die Lage war höchst polarisiert, ein Bürgerkrieg drohte. In beiden Städten konnte das durch eine gründliche Staatsreform verhindert werden. Diese Staatsreform sah in Sparta ganz anders aus als in Athen.

Man konnte den Unruhen nur entgehen, wenn man die gravierendsten Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten abschaffte, also für Gerechtigkeit und Gleichheit sorgte. In Sparta nahm man das wörtlich. Gerechtigkeit bedeutete, jeden gleich zu behandeln, und man machte jeden gleich. Jeder wohnte gleich wie der andere, hatte den exakt identischen Tagesablauf, war gleich gekleidet, aß das gleiche, tat das gleiche. Um gleiche Erziehung zu gewährleisten, wurden die Kinder im Alter von fünf Jahren den Eltern weggenommen und vom Staat erzogen. Dieser Gleichheitsgrundsatz wurde mit eiserner Härte auch gegenüber dem Hochadel durchgesetzt.

In Athen ging man einen anderen Weg, dank Solon. Solon begnügte sich damit, die extremsten Auswüchse zu kappen: Ein Moratorium auf alle Schulden machte aus den Schuldsklaven freie Bürger, die ihr vorheriges Eigentum wieder zurückerhielten. Der reiche Adel mußte auf seine Ansprüche gegenüber den Schuldnern verzichten, ihnen ihre Felder zurückgeben und diejenigen, die als Sklaven ins Ausland verkauft worden waren, auslösen. Es gab nach wie vor verschiedene Schichten, es gab Wohlhabende, Bürgerliche und Arme, aber Solon machte jeden vor dem Gesetz gleich, und er eröffnete jedem den sozialen Aufstieg. Jeder konnte durch Fleiß und Tüchtigkeit sich in einen höheren Stand hocharbeiten. Jeder erhielt mit 18 Jahren das politische Wahlrecht, und jeder konnte in das Volksgericht delegiert werden.

Solon verstand unter Gerechtigkeit und Gleichheit etwas ganz anderes als Lykurgos, der (mythische) Reformer Spartas. Der Unterschied wird erst deutlich, wenn man sich die Auswirkungen davon betrachtet. Sparta entwickelte sich zum rigiden Militärstaat, Athen zur Mutter aller Künste und Wissenschaften. Schiller hielt darüber an der Universität Jena, wo er als Historiker für einige Jahre eine Professur innehatte, eine Vorlesung, die man unter dem Titel: „Die Gesetzgebung des Lykurgos und Solon“ nachlesen kann. Daraus möchte ich Ihnen gerne einen Abschnitt zitieren, weil er treffend und in schönen Bildern die Unterschiede gegenüberstellt:

„Schön und trefflich war es von Solon, daß er Achtung hatte für die menschliche Natur, und nie den Menschen dem Staat, nie den Zweck dem Mittel aufopferte, sondern den Staat dem Menschen dienen ließ. Seine Gesetze waren laxe Bänder, an denen sich der Geist der Bürger frei und leicht nach allen Richtungen bewegte, und nie empfand, daß sie ihn lenkten; die Gesetze des Lykurgus waren eiserne Fesseln, an denen der kühne Mut sich wund rieb, die durch ihr drückendes Gewicht den Geist niederzogen. Alle mögliche Bahnen schloß der atheniensische Gesetzgeber dem Genie und dem Fleiß seiner Bürger auf, der spartanische Gesetzgeber vermauerte den seinigen alle bis auf eine einzige – das politische Verdienst. Lykurg befahl den Müßiggang durch Gesetze, Solon strafte ihn strenge. Darum reiften in Athen alle Tugenden, blühten alle Gewerbe und Künste, regten sich alle Sehnen des Fleißes, darum wurden alle Felder des Wissens dort bearbeitet. Wo findet man in Sparta einen Sokrates, einen Thukydides, einen Sophokles oder Plato? Sparta konnte nur Herrscher und Krieger – keine Künstler, keine Dichter, keine Denker, keine Weltbürger erzeugen. Beide, Solon wie Lykurg, waren große Männer, beide waren rechtschaffene Männer, aber wie verschieden haben sie gewirkt, weil sie von entgegengesetzten Prinzipien ausgingen. Um den atheniensischen Gesetzgeber steht die Freiheit und die Freude, der Fleiß und der Überfluß – stehen alle Künste und Tugenden, alle Grazien und Musen herum, sehen dankbar zu ihm auf, und nennen ihn ihren Vater und Schöpfer. Um den Lykurgus sieht man nichts als Tyrannei und ihr schreckliches Gegenteil, die Knechtschaft, die ihre Ketten schüttelt, und dem Urheber ihres Elends flucht.“

Später wird Rom ab der Kaiserzeit in Spartas Fußstapfen treten. Der Unterschied zwischen den beiden Staatsmodellen ist wichtig, denn er beruht auf einem ganz unterschiedlichen Menschenbild. Das eine betrachtet den Menschen als Untertan, als Werkzeug des Staates, das andere achtet ihn als souveräne Einheit, die sich harmonisch in den staatlichen Rahmen einfügt.

Das war im 18. Jahrhundert in Berlin nicht klar, es war noch nicht ausgemacht, in welche Tradition man sich endgültig stellen will. Friedrich I. und noch deutlicher Sophie-Charlotte orientierten sich an Athen. Der Nachfolger, Friedrich Wilhelm I. wiederum sah eher in Rom sein Vorbild. Unter dem Soldatenkönig verwandelte sich Berlin in eine große Kaserne, die harten Drill- und Erziehungsmethoden und die sprichwörtlich einfache Lebensweise machten die Stadt zum „Sparta des Nordens“.

Mit Friedrich II. (1740-1786) schlug das Pendel wieder zurück. Er war nicht nur ein genialer Militärstratege, er wollte vor allem das Feudalsystem zurückdrängen (allgemeiner Landfriede, Abschaffung der Folter, Toleranz gegenüber anderen Religionen). Er suchte, die wirtschaftliche Grundlage des Volkes zu verbessern (Trockenlegung des Oderbruch, Kartoffelanbau), und er förderte die Wissenschaften und die Künste – mit Ausnahme der deutschen Literatur, die er nicht lesen konnte, weil er nur Französisch beherrschte. Der Begriff „Spree-Athen“ gewann an Substanz. Das galt insbesondere für die Architektur – in der Zwischenzeit war viel gebaut worden –, und das ist ja das erste, was dem Betrachter ins Auge fällt.

Karl Philipp Moritz widmete Berlin 1780 ein Gedicht mit der Überschrift „Sonnenaufgang über Berlin“, in dem er seine Stadt als „die Königin der Städte“ pries:

Schon seh‘ ich hier Paläste an Palästen,
Die ihre stolzen Häupter blähn,
Und, wie an einer graden Schnur, in festen,
Geschloßnen Reihn, gleich unsern Kriegern, stehn.

Wie eine Stadt, erhebt in ihrer Mitte
Der Königssitz sein Haupt, und ragt
Hoch über sie, wie über einer Hütte
Das kleinste unsrer Felsenhäuser ragt.

Rund, um die hohe Königsburg zu schmücken,
Im Kreis‘ erheben überall
Paläst‘ und Tempel sich vor meinen Blicken,
Und wie ein Fels das mächtge Arsenal.


Paläst‘ und Tempel! Das Zentrum Berlins muß schon damals ein recht beeindruckendes Bild abgegeben haben.

Endgültig entschieden war die Frage, welchem Staatsmodell Preußen nacheifern solle, im Jahre 1806. Im Oktober hatte Napoleon Preußen in der Schlacht von Jena und Auerstedt vernichtend geschlagen, der Staat war ausgelöscht. Preußen verlor alle westelbischen Gebiete, das ruhmreiche Heer, der ganze Stolz Preußens, war aufgerieben, das Land war verheert, eine ungeheuere Kriegsschuld lastete auf dem Staat, und in Berlin marschierten französische Soldaten durch die Gassen.

Das war das Ende. Preußen hatte nichts mehr außer einer völlig verarmten Bevölkerung, und darauf besann man sich nun. Alle materiellen Güter hatte man eingebüßt, nur Geist und Herz des Volkes besaß man noch, und damit wollte man „wuchern“, wie Freiherr vom Stein sagte.

Der Staat wurde einer Revolution unterzogen – durch die Preußischen Reformer. Mit ihnen kam eine Gruppe, die ganz von dem griechischen Vorbild geprägt war, an die Macht. Es war eine geistige Revolution, die das gesamte Volk erfaßte, und man kann sagen, daß nach nicht einmal einem Jahrzehnt jeder Bürger anders von sich, vom Staat, von der Welt dachte als zuvor, daß er ein völlig verändertes Selbstverständnis hatte.

Das leitende Prinzip der Staatsreform war „eine Revolution im guten Sinn, gerade hinführend zu dem großen Zwecke der Veredelung der Menschheit, durch Weisheit der Regierung und nicht durch gewaltsame Impulsion von innen oder außen“. So formulierte Hardenberg das große Ziel der Reformer. Am sichtbarsten wird der neue Geist an zwei Dingen: Die Philologie und ganz besonders der Griechischunterricht und Dichtung und Literatur erhalten eine herausragende Rolle bei der Bildung des neuen Staates.

Der Historiker Niebuhr schrieb 1808 an Minister Altenstein: „Sollten unsere Enkel einmal frei werden, …so kann es nur durch Philologie begründet werden. Wenn einmal vom Fürsten bis zum Rat, vom Edelmann bis zum Handwerker… jeder die Alten liest, alsdann können unbezwingliche Herzen gebildet werden, die ein neues Thermopulä (Thermopylen) und Marathon bereiten.“

Stein forderte in seiner Denkschrift vom März 1810 Nation und Regenten auf, „durch Leitung der Literatur und der Erziehung dahin zu wirken, daß die öffentliche Meinung kräftig und rein erhalten und die Künste der Verführung des Unterdrückers vereitelt werden.“ Sogar der Militärreformer Gneisenau schrieb 1811 an den König: „Auf die Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet“. Der Griechischunterricht, Poesie und Literatur sollten den geschlagenen Staat wieder aufrichten. Die Einsicht, daß Preußen und Deutschland nur gerettet werden könnten, wenn sie gemeinsam ein höheres Ziel verfolgten, war allgemein.

Wilhelm von Humboldt soll hier stellvertretend für den neuen Geist, der bald allgemein und weit über Preußen hinaus herrschen sollte, stehen. Wie er den Griechischunterricht und das Studium der Antike ganz in den Mittelpunkt seiner Bildungsreform rückte, so zentral war für Friedrich Schinkel, für Schadow und die anderen Architekten die Anschauung der alten griechischen Bauwerke und Plastiken. Griechischer Geist zeichnete schließlich sogar die Truppen aus, wie sich in der Völkerschlacht bei Leipzig zeigen sollte.

Nun entstand „Spree-Athen“. Das, was die Griechen groß gemacht hatte, ihre Richtung auf das Ideelle – daß man nicht zuerst fragte: was bringt mir das? Kann ich das verkaufen? Kann ich das später praktisch anwenden und materiellen Nutzen daraus ziehen? sondern Bildung, Wissenschaft und Kunst als Wert an sich betrachtete – wurde das Kennzeichen der preußischen Reformen.

Dieser Geist regierte nun auch in Berlin und manifestierte sich deutlich sichtbar für jedermann in der Gründung der Berliner Universität im Oktober 1810. Zuvor hatte Wilhelm schon das Bildungswesen gründlich reformiert, hatte alle utilitaristischen und praktischen Tendenzen aus dem Unterricht verbannt und allumfassende Menschenbildung, die sowohl den Geist also auch den Charakter formte, an die Stelle gesetzt. Nicht das Bedürfnis des Lebens dürfe uns bestimmen, sondern eine ideale Idee, die uns über das rein Kreatürliche, über die Mühen und Sorgen des Alltags heraushebt, müsse uns leiten. Eine solche Erziehung war für Wilhelm die beste Vorbereitung auf das Leben.

Mit der Universität errichtete Wilhelm eine „unabhängige Republik der Wissenschaften“, deren alleiniger Zweck in der Forschung und Lehre lag, „denn nur die Wissenschaft, die aus dem Innern stammt und in’s Innere gepflanzt werden kann, bildet auch den Charakter um, und dem Staat ist es ebenso wenig als der Menschheit um Wissen und Reden, sondern um Charakter und Handeln zu tun,“ stellte er fest. Nützlichkeit definierte er ganz anders als wir heute. Für uns erschöpft sich alles in Effizienz, es müssen gleich meßbare Ergebnisse her. Für Humboldt war etwas nur nützlich, wenn es den Menschen zu tieferen Einsichten befähigte und die Gefühle veredelte, wenn es die Wissenschaft beförderte. Das Nützliche lag im Übernützlichen.

Die gesamte geistige Elite Deutschlands versammelte sich hier: Die Philologen Friedrich August Wolf und August Böckh, der Rechtswissenschaftler Savigny, der Theologe Schleiermacher, der Philosoph Fichte, die Mediziner Hufeland und Reil, der Historiker Niebuhr. So mancher spree-athener Enthusiast sah in der Universität Platons Akademie wieder auferstehen.

Das Berlin um 1810 und noch eine Weile danach rechtfertigte den Begriff „Spree-Athen“. Nicht weniger ist heute gefragt. Auch wir müssen uns wieder dem Menschen zuwenden, müssen seine geistige und sittliche Vervollkommnung an die Stelle von platten, kurzfristigen Effizienz- und Erfolgskriterien setzen.

Wir sind heute eine kleine Gruppe. Das waren die preußischen Reformer auch, und Solon war ziemlich einsam. Es geht weniger um die Anzahl als um den Inhalt. Wir wollen mehr werden, dieser Verein soll wachsen und gedeihen und eine Stimme werden, die man nicht so einfach übergehen kann. Aber noch wichtiger sind die Inhalte, die Ideen, die wir in die Gesellschaft tragen wollen. Und da man nun einmal eine Idalvorstellung braucht, wenn man auf ein Ziel hinarbeitet, nehmen wir gleich die, die jeder Hochblüte in der Geschichte der letzten 2500 Jahre zugrunde lag – das alte, klassische Athen.


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